Fast jeder Hobbyfotograf wird früher oder später einmal gebeten, die Hochzeit von Freunden oder Bekannten zu fotografieren. Gleich als nächstes stellt sich dann die Frage, wie er oder sie das am besten macht.

Wenn du auch zu dieser Gruppe gehörst, oder sogar am Anfang einer eventuellen Laufbahn als Hochzeitsfotograf stehst, habe ich hier ein paar Tipps für dich, die ich in mehrere Artikel aufteilen werde. Bleib also dran und abonniere am besten den Newsletter, wenn du nichts verpassen willst.

Per E-Mail wurde ich gefragt:

Welches Belichtungsprogramm verwendest du? Arbeitest du manuell oder nutzt du die Automatik?

Antwort:

Ich nutze über den Verlauf einer Hochzeit oft alle Programme (S, A, M) außer der Vollautomatik P und entscheide situativ, welches das Richtige ist. Damit diese Antwort für Einsteiger wirklich Nutzen hat, gehe ich aber ein bisschen mehr in die Details und beschreibe ein paar Beispiele. Leider gibt es fast immer auch ein „aber“, das heisst, ich mache es nicht immer so. Je nach Lichtsituation, Hintergrund, Aktion und anderen Dingen entscheide ich. Ein Hochzeitsfotograf ist eine Art Hochleistungscomputer, der mit viel Erfahrungswissen gefüttert wird und sehr schnell und sehr differenziert reagiert.

Aber irgendwie muss man ja anfangen und deshalb nimm die Beispiele bitte als Beispiel und nicht als Gesetz.

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Der Reis vor Kirche oder Standesamt verlangt kurze Belichtungszeiten. Selbst bei 1/500stel werden einzelne Reiskörner nicht scharf, sind aber zumindest erkennbar.

Zeitvorwahlautomatik S

Kurz zum Erinnern: S für Speed (bei Canon heisst das Programm manchmal T für Time) bedeutet, dass ich der Kamera die Belichtungszeit vorgebe und die Automatik die passende Blende dazu auswählt.

Dieses Programm nutze ich gerne dann, wenn ich eine besonders kurze Belichtungszeit brauche, z.B. wenn vor der Kirche Reis geworfen wird und ich möchte, dass dieser auch auf dem Bild erkennbar ist. Dann nutze ich zum Beispiel 1/500stel oder kürzer und lasse die Kamera die Blende einstellen.

Ein anderer Fall für dieses Programm ist, wenn ich eine besonders lange Belichtungszeit nutzen möchte. Das mache ich manchmal bei Tanzfotos als Effekt in Kombination mit einem Blitz oder auch für künstlerische Effekte mit gewollter (!) Bewegungsunschärfe.

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Blendenvorwahlautomatik A

Das ist bei mir das Programm, das ich am häufigsten nutze (wenn ich nicht manuell belichte). Über die Wahl der Blende kann ich gezielt die Schärfentiefe im Bild steuern und so entscheiden, welcher Bereich scharf dargestellt wird und welcher unscharf. Die Kameraautomatik entscheidet sich dann für eine passende Belichtungszeit. Dadurch entstehen dann die ziemlich typischen Hochzeitsstillleben von Ringen, Brautstrauss und Dekoration oder auch Porträts vor unscharfem Hintergrund. Wobei ich bei Menschenbildern schon wieder aufpassen muss, dass die Belichtungszeiten, die die Kamera dann automatisch vorschlägt, nicht zu lang werden. Denn Menschen bewegen sich eben, im Unterschied zur Tischdeko.

Was mich dann zum manuellen Programm führt…

Gruppenbild der Hochzeitsgesellschaft vor der Kirche

Gruppenbild der Hochzeitsgesellschaft vor der Kirche

Manuelle Belichtungssteuerung M

Ich verwende M so oft es geht, weil ich dadurch meine Bildinhalte gezielter kontrollieren kann. Manchmal möchte ich gezielt eine Kombination aus kurzer Belichtungszeit mit nicht ganz so weit geöffneter Blende. Zum Beispiel wenn ich in der Trauung Braut UND Bräutigam scharf im Bild haben möchte. Die Kamera schlägt aber in dunkleren Räumen oft eine offene Blende und eine längere Belichtungszeit vor. Das ergibt aber von der Gestaltung her nicht das, was ich erreichen möchte. Auch das Gruppenbild ist ein Kandidat für manuelle Belichtung, denn da will ich auf jeden Fall eine kleine Blendenöffnung (also alle Personen scharf) und gleichzeitig eine kurze Belichtungszeit von mindestens 1/250stel, damit keine Bewegungsunschärfe entsteht, wenn sich jemand rührt.

Dazu kommt, dass die Automatik sich häufiger mal „irrt“ und gerade Bilder vor hellem oder dunklem Hintergrund nicht richtig belichtet werden. Oder die Kamera einfach nicht weiß, wie ich mir das Bild vorstelle. Auch das spricht dafür, Fotos lieber mit manueller Belichtung zu machen.

Wann ich lieber nicht manuell belichte

Gerade Einsteiger trauen sich oft nicht zu, die Belichtung schnell genug an wechselnde Bedingungen anzupassen. Als Profi mit langer Erfahrung geht mir das seltener so, aber auch ich verlasse mich mitunter gerne auf die Automatik, weil es Situationen gibt, die so schnell sind, dass ich mit dem Nachregeln der Belichtung manuell gar nicht hinterherkommen würde.

Noch wichtiger als ein perfekt belichtetes Bild ist mir, dass ich keinen wichtigen Moment verpasse. Und auch wenn die Automatik nicht immer zu idealen Ergebnissen führt, ist es besser, manchmal auf Nummer Sicher zu gehen und ggfs. das Bild in Lightroom nachzubearbeiten.

Typische Momente, in denen ich auf ein Automatikprogramm schalte sind: Ausmarsch aus der Kirche in den hellen Sonnenschein, Actionfotos im Freien, Schnappschüsse von den Gästen während des Empfangs oder bei der Feier. Generell liefert die Automatik bei Aussenaufnahmen mit Tageslicht recht gute Ergebnisse und passt sich auch an schnelle Wechsel von hell und dunkel gut an, schneller als ich das manuell könnte.

ISO-Automatik

Tja, diese ISO-Automatik kann einem jeden guten Erkläransatz wieder durcheinanderbringen. Früher war alles besser das einfacher. Dank der ISO-Automatik kann man heutzutage manuell belichten und doch nicht manuell belichten. Denn die ISO-Automatik, wenn sie aktiviert ist, sorgt dafür, dass auch im (eigentlich) manuellen Modus M am Ende die Kamera das letzte Wort hat.

Weshalb ich die ISO-Automatik in den allermeisten Fällen ausschalte. Außer, seufz, bei einer der Gelegenheiten, in denen sie doch praktisch ist. Nur als Tipp: Manueller Modus und ISO-Automatik ist oft eine sehr gute Kombination. Aber alle passenden Gelegenheiten aufzuzählen, ist leider unmöglich.

Richtig belichten ist Trainingssache

Man wird nicht zum Hochzeitsfotografen geboren. Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich mich zuerst nur langsam mit der Hochzeitsfotografie anfreunden konnte. Und die ersten Hochzeiten waren purer Stress. Mit der Zeit bekommt man heraus, ob das Stress ist, weil man nicht genug geübt hat (dann legt er sich mit der Zeit) oder ob einem Hochzeiten einfach nicht liegen (dann sollte man lieber etwas anderes fotografieren).

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So bereitest du dich vor

Mit den Belichtungsprogrammen muss man einfach unglaublich viel üben. Und dafür muss man nicht auf die nächste Hochzeit warten, sondern kann das jeden Tag im Alltag tun.

Das beste Training: Die Kamera einen Tag lang dabei haben und einfach alles fotografieren, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Nach einiger Zeit dabei auf Geschwindigkeit trainieren. Also nicht: 10 Minuten nachdenken, Einstellung an der Kamera suchen und fünf Versuche machen. Wenn du es schaffst, aus jeder Situation innerhalb von, sagen wir mal, 30 Sekunden ein (ziemlich) ordentliches Bild im ersten Versuch zu machen, dann hast du ein gutes Niveau erreicht. Sowas gibt dann auch Sicherheit für die echte Hochzeit (wo man nervlich noch mit anderen Herausforderungen zu tun hat).

Schnell sein zählt

Zur Beruhigung: Ausschuss kommt auch bei Profis vor und zwar jede Menge. Nicht jede Belichtung und jeder Fokus sitzt.

Das liegt dann daran, dass die oben erwähnten 30 Sekunden oft nicht zur Verfügung stehen, sondern nur eine halbe Sekunde und das 40 mal direkt nacheinander.

Dieses schnelle Fotografieren liegt nicht jedem. Das ist überhaupt keine Schande. Aber du solltest dir klar machen, dass du dann an Hochzeiten keinen Spaß finden wird, wenn du entweder nicht genug trainiert hast oder grundsätzlich nicht gerne schnell fotografierst.

In meinen Workshops lasse ich die Teilnehmer gerne ein bisschen an diesem Gefühl schnuppern, indem wir beim Live-Shooting unter echten Bedingungen arbeiten. Das Verlassen der Komfortzone erweitert die fotografischen Möglichkeiten. Und mit jedem Training wird man besser.