Bildrettung mit Lightroom: der Oldtimer unter Bäumen

Bei Hochzeitsreportagen kann ich mir die Umstände, unter denen ein Foto entsteht nicht immer aussuchen. Und manchmal muss ich ein Foto auch unter wirklich ungünstigen Bedingungen machen. Ein solches Beispiel möchte ich heute zeigen. Und zwar, weil mir die Bearbeitung des Bildes so viel Freude gemacht hat.

Hochzeitsreportagen bei Sonnenschein am Strand sind technisch einfach zu bewältigen. Da gibt es hinterher nicht viel zu korrigieren, ausser vielleicht ein paar Kontraste zu mindern.

In diesem Fall hatten wir es leider mit einem der, an der Ostsee seltenen, Fälle von einem wirklich verregneten Tag zu tun. Für mein Foto vom abfahrenden Oldtimer unter Bäumen war das aber nur ein Teil des Problems. Die Lichtverteilung war denkbar ungünstig. Eigentlich sollte das Auto durch ein Spotlight fahren und dadurch perfekt zur Geltung kommen. Und wenn ich absehe, dass eine solche Möglichkeit besteht, mache ich auch tatsächlich erst dann das Foto. Hier passierte das aber einfach nicht. Der Oldtimer fuhr mit dem Hochzeitspaar an Bord die Allee vom Schloss hinab und würde gleich verschwunden sein. Ich musste das Bild machen. Also passte ich nur einen Moment ab, wo das Auto zwischen den Bäumen zu sehen war und drückte ab.

Bei der Durchsicht der Bilder am heimischen Rechner befand ich, dass das Bild durchaus Potenzial hätte. Meine Fantasie erschuf ein Bild von einem Oldtimer, der elegant unter den majestätischen Bäumen in sattem grün hindurchfuhr. Davon war nur leider auf meinem Foto noch nichts zu sehen. Auch die Helligkeitsverläufe sollten möglichst auf das Auto hinweisen und nicht auf die Wiese im Vordergrund des Bildes.

Bildbearbeitung ist ein spielerischer Prozess

Die Bearbeitung solcher Bilder in Adobe Lightroom ist immer ein kreativer und spielerischer Prozess. Es gibt keine Standardfilter, die ich anwenden könnte. Es ist eher vergleichbar mit der Arbeit eines Bildhauers, der sehen möchte, was für eine Form in einem unbearbeiteten Stück Holz oder Stein steckt.

In diesem Fall kamen nach und nach einige der Lightroom-Tools zum Einsatz.

Und dies war das Ausgangsbild, wie es aus der Kamera kam (zum Vergrößern anklicken):

Bild vom Oldtimer vor der Rettung mit Lightroom

Ich hatte die Zeitautomatik an der Kamera eingestellt. Man sieht, dass die Kamera das Bild ausgewogen belichtet hat. Hätte ich gleich überbelichtet, um den Oldtimer besser herauszuheben, wären Vorder- und Hintergrund völlig ausgebrannt. So bot das RAW-Format noch Reserven, um später damit zu arbeiten.

Meinen Ausgangspunkt bilden meist die Standardkorrekturen:

  1. Weissabgleich (der automatische Weissabgleich war hier sehr kühl ausgefallen)
  2. Grundbelichtung, Tiefen, Lichter (wobei ich es mit Tiefen und Lichtern nicht übertreibe, damit das Bild noch natürlich wirkt)
  3. ggfs. Rauschminderung (bei hohen ISO-Werten, hier war es aber nur ISO 200)

Danach kann ich meist schon sehen, ob es sich lohnt, das Bild weiter zu bearbeiten. In diesem Fall sah es in wärmeren Farben schon viel angenehmer aus, und ich konnte erkennen, dass der Oldtimer noch ausreichend Zeichnung hatte, um ihn noch mehr herauszuarbeiten.

Als nächstes zog ich mit dem Verlaufswerkzeug Verläufe von oben und unten ins Bild, um Wiese und Himmel abzudunkeln. Dabei verwende ich gerne auch den Lichterregler, um nicht nur einen schwarzen Schatten ins Bild zu ziehen, sondern eine etwas „mildere“ Abschattung zu erreichen. Zusätzlich habe ich schon in den Verläufen mit den Reglern für Klarheit und Dunst entfernen (Dehaze) gespielt. Das bringt gerade bei schlechterem Wetter eine ganze Menge, und ich bin regelmässig überrascht, wieviel sich aus einem RAW-Foto noch an Informationen herausholen lässt.

Der Verlauf ist immer meine erste Wahl, weil ich da nicht einzelne Bereiche auswählen muss – ich bin ja durchaus bequem. Den Hintergrund zwischen den Bäumen musste ich aber gezielt mit dem Korrekturpinsel wieder abdunkeln.

Irgendwann war mir klar, dass ich das Bild nun schon so sehr verändert hatte, dass auch der hässliche Gullideckel im Vordergrund weg müsste. Da es sich um eine einfache Retusche in der Rasenfläche handelte, reichte hier das Bereichsreparatur-Werkzeug in Lightroom aus und ich musste nicht einmal zu Photoshop wechseln.

Mit einer leicht s-förmigen Gradationskurve habe ich dann die Kontraste etwas verstärkt, um dem Bild mehr Plastizität zu verleihen.

Und zu guter Letzt habe ich noch einen kreisförmigen Verlauf um das Auto herum gelegt, um die Aussenbereiche des Bildes noch etwas abzudunkeln und dadurch den Oldtimer noch etwas mehr herauszuheben. Hier war Fingerspitzengefühl gefragt. Mir war bewusst, dass ich hier schon deutlich in die tatsächliche Lichtsituation eingegriffen hatte und ich es möglichst nicht übertreiben wollte.

Am Ende sollte das Bild auch noch etwas mit dem Tag zu tun haben, an dem ich es aufgenommen hatte, und das war nunmal ein regnerischer.

Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem ich beschliesse, es nicht noch weiter zu treiben. Man kann ewig an einem Bild basteln und dabei diverse Varianten ausprobieren.

Dies ist nun meine Endversion:

Bild vom Oldtimer nach der Rettung mit Lightroom

Soweit mein Einblick ins Spielen mit Lightroom / Arbeit mit Bildbearbeitung. Vermutlich beantwortet das auch die Frage, warum die Bearbeitung meiner Hochzeitsreportagen so lange dauert. Aber es sind eher wenige Bilder, bei denen ich so viele Bearbeitungsschritte benötige.

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About the Author:

Die Mischung von Fotografie und Film, also Foto-Video-Fusion, hat sich zu einem meiner Schwerpunkte entwickelt. Als Hochzeitsfotograf und Filmer bin ich in Hamburg und häufig auf Rügen und Hiddensee unterwegs, wo ich einige Zeit gewohnt habe. Neben den Menschen liebe ich auch die Natur und Tiere, so dass ich mich besonders freue, wenn ich mit meinen Paaren Zeit in der Natur verbringen kann. In meiner Freizeit schreibe ich gerne, sowohl im Blog als auch in Büchern. Meine Fachbücher sind im Buchhandel und online erhältlich.

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